jugendbuch.dev.literaturcouch.de - DEVELOPMENT

Das Labyrinth der Träumenden Bücher

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • Knaus, 2011, Originalausgabe

Couch-Wertung:

6
Wertung wird geladen
Carsten Kuhr
Der Lindwurm-Dichterfürst wandelt auf eigenen Spuren – Teil 1

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Nov 2011

Das meint Jugendbuch-Couch.de: "Der Lindwurm-Dichterfürst wandelt auf eigenen Spuren – Teil 1"

Hildegunst von Mythenmetz ist zurück. Seit nunmehr zweihundert Jahren hat sich der gefeiertste Dichterfürst von ganz Zamonien in der heimischen Lindwurmfeste verbarrikadiert und hält nur über seine Werke mit dem geneigten Fußvolk seiner Anhänger Verbindung. Dass ihn sein Orm verlassen hat, dass er in blinder Selbstüberschätzung auf jegliche Korrektur seiner Manuskripte verzichtet hat, ist dabei noch lange nicht das Schlimmste! In der Zeit, die seit dem großen Brand in Buchhain vergangen ist, hat er an Gewicht zugelegt. Die Behauptung der Fettleibigkeit weist er natürlich nach wie vor tatkräftig zurück, allein seine Kurzatmigkeit beweist, dass die Verleumdungen so weit nicht von der Wahrheit entfernt sind.

Als er dann ein Schreiben, scheinbar von sich selbst verfasst und aus den Katakomben abgesandt, erhält, das eben jene Kritikpunkte geradezu exemplarisch aufzählt, beschließt er, auf eigenen Spuren zu wandeln. Er macht sich inkognito und auf seinen Füßen auf in seine alte Heimat, dem Antiquariatsdorf Buchhain.

Doch was hat sich hier seit dem verheerenden Brand nicht alles getan. Es gibt lebende mechanische Bücher, die den Werken aus den Katakomben frappierend ähneln. Die Häuser sind aus mumifizierten, zu Stein gewordenen Büchern feuerfest errichtet worden. Lebendige, historische Zeitungen in Fraktur erläutern dem geschätzten Gast die Stadt. Rüssel erlauben das mehr oder minder gefahrlose Betreten der Katakomben. Mit den Qualmoir, öffentlichen Bedürfnisanstalten für Raucher, hat man die Feuergefahr weiter gebannt. Und – skandalös – die Bücherjäger sind, in Librinauten umgetauft, zurück! Und es gibt einen neuen Zeitvertreib für die Reichen und Schönen, die Angesagten und Wichtigen, oder zumindest die, die sich dafür halten: Das Puppenspiel hat Buchhain erobert ...

Tolle Ansätze, aber letztlich nicht mehr als ein in sich nicht abgeschlossener Beginn

Walter Moers gehört zu den ganz großen, eigenen Autoren unserer Zeit. Mit "Käpt´n Blaubär", dem "kleinen Arschloch" und "Adolf" hat er Millionen von Lesern verzückt.
Was sind das aber für Bücher aus dem Hause Moers, die er in Zamonien angesiedelt hat. Kinderbücher? Vielleicht. Jugendbücher? Ja auch. Bücher für erwachsene Leser? Bestimmt.
Immer aber Bücher, die herausstechen aus dem Allerlei in deutschen Buchhandlungen.

Schon die äußere Gestaltung mit Kopffarbschnitt und Lesebändchen, dickem strukturiertem Umschlag und bedruckten Deckeln sowie unzähligen Innenillustrationen, macht den Leser neugierig und sagt ihm, dass er etwas Besonderes in Händen hält. Das kann kein Kindle oder sonstiger eBook-Reader vermitteln, das Gefühl eines liebevoll gemachten Buches.

Und wenn es dann im Inneren des Titels auch noch um Bücher geht, findet zusammen, was zusammen gehört.
Allerdings, und das hat der Verlag nicht deutlich genug kommuniziert, liegt mit diesem umfangreichen Werk nicht etwa der gesamte neue Zamonien-Roman vor, sondern nur dessen Ouvertüre.
Wie Moers selbst erläutert, wurde, um weitere Verzögerungen zu vermeiden, der Roman in zwei Teile gesplittet.

So beginnt die eigentliche Geschichte im letzten Satz des Buches. Was bis dahin passiert, zeigt uns einen Autor, dessen Ormfluss Mythenmetz folgend etwas stockt. Statt eine stringente Handlung und ein straffer Handlungsbogen erwarten den Leser pittoreske Geschichten in der Geschichte – das Gespräch im Qualmoir oder der Besuch des Puppaecircus Maximus – es mangelt aber leider deutlich an wirklicher Handlung. Statt dessen wandelt Mythenmetz auf eigenen Spuren, besucht er als Tourist seine alte Heimat. Das lässt Tempo und Faszination ein wenig vermissen, wirkt zu langatmig und ausschweifend.

Dabei packt Moers vorliegend durchaus auch heiße Eisen an. Es geht unter anderem um sinnentleertes Leben, um die Verleugnung der Realität, um das Verrennen in seinen Phantasievorstellungen, um die Kraft der Freundschaft, um Feigheit, sich und anderen seine Fehler nicht einzugestehen, sich kritisch zu hinterfragen und um das Sterben. So blitzt innerhalb der Tristesse immer wieder auf, was das Buch hätte sein können: ein ebenso humorvolles wie nachdenkliches Werk um den Dichterfürsten und Lindwurm. Letztlich aber ist es ein gigantischer, viel zu ausschweifender Prolog geworden, der die eigentliche, noch nachzuliefernde Geschichte nicht einmal wirklich vorbereitet. Was den Preis des Buches dann doch wett macht, ist dessen kongeniale äußere Gestaltung, die vielen umwerfenden Illustrationen und die wenigen ergreifenden Geschichten in der Geschichte, die Mythenmetz´sche Schaffenskraft aufblitzen lassen.

Das Labyrinth der Träumenden Bücher

Das Labyrinth der Träumenden Bücher

Deine Meinung zu »Das Labyrinth der Träumenden Bücher«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

LGBT
in der Jugendliteratur

Alljährlich wird im Juni der Pride Month gefeiert, um die Vielfalt unserer Gesellschaft hervorzuheben. Weltweit erheben Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle und Menschen anderer sexueller Orientierungen ihre Stimme für Toleranz und stärken so die Gemeinschaft. LGBTQ+ ist schon lange kein Randthema mehr in der Jugendliteratur, sondern ein zentraler Aspekt zahlreicher Neuerscheinungen.

mehr erfahren